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18.10.2016

Einrichtungen brauch` ich nicht! Oder doch? Fazit: Die Zukunft sozialer Arbeit bleibt bunt.

In einer abschließenden Gesprächsrunde wurden Zukunftsvorhaben diskutiert. (vlnr) Mag. Edith Zankl (

Mehr als 800 TeilnehmerInnen haben letzten Freitag das 44. Martinstift-Symposion im Brucknerhaus in Linz besucht, um der Frage nachzugehen, wohin sich die Soziale Arbeit entwickeln wird. Der Sozialbereich boomt was die Beschäftigungszahlen angeht, wenngleich die öffentlichen Gelder für so Zukunftsträchtiges stetig sinken. Selbstbewusste KlientInnen, Menschen, die nach Selbstwirksamkeit und tragfähigen Beziehungen streben und generationenübergreifende Quartiersstrukturen, die vieles ermöglichen, bilden den neuen Rahmen sozialer Arbeit.

GALLNEUKIRCHEN/LINZ. Institutionell wohnen tut im Normalfall niemand gerne. „Menschen mit speziellen Bedürfnissen haben nur eine sehr bedingte Wahlmöglichkeit, wenn es um das wo, wie und mit wem des Wohnens und Arbeitens geht. Regionalisierung und Dezentralisierung waren daher in den letzten Jahrzehnten die Antwort, doch ist deshalb der institutionelle Ansatz schon verschwunden, wenn Betreuung und Pflege in einer Hand sind?“ Diese Frage hinterlässt Mag. Christa Schrauf, Rektorin des Diakoniewerks in ihren Begrüßungsworten.
„Eure Klientinnen und Klienten werden selbstbewusster und fordernder“, mit dieser Aussage beendete Martin Habacher sein Einstiegsreferat beim diesjährigen Martinstift-Symposion. Martin Habacher ist der „kleinste YouTuber der Welt“ und ist mit mabacherTV als SocialMedia Berater und Videoproduzent tätig. Social Media geben Menschen mit Behinderung eine Stimme, sie eröffnen ihnen eine Plattform zeigt Habacher in einer Vielzahl an Beispielen auf. Für ihn ist Mitdabeisein die Lösung  – Social Media Kanäle nutzen, um die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung kennenzulernen und im selben Medium zu kommunizieren, ist für Sozialunternehmen in Zukunft entscheidend. Menschen mit Behinderung beschäftigen sich mit ihren Themen – Barrierefreiheit, Gleichstellung, Gesetzeslagen – all diese Themen sprechen sie in ihren youtube-Botschaften an und wollen Gehör finden.
Gerhard Strasser, Geschäftsführer des AMS OÖ, skizziert dem Bereich Gesundheit/Soziales die höchsten Beschäftigungszuwächse in den kommenden 2-3 Jahren, nicht zuletzt aufgrund der beliebten Teilzeitarbeit in dieser Branche und der großen Bedarfe in der Flüchtlingsarbeit.
Arbeitsmarktpolitisch liegen die großen Herausforderungen in der Digitalisierung der Lebens- und Arbeitswelt, in der Alterung der Gesellschaft und dem Wandel hin zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft nebst der so unterschiedlichen Generationenbedürfnisse. Die Mitarbeitenden von heute suchen nach Sinn, Weiterbildungsmöglichkeiten und einem Job, der flexible Zeiteinteilung und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zulässt. Die Verlierer werden die geringqualifizierten sein, denn die Kompetenzanforderungen steigen – lebenslanges Lernen, Interdisziplinäres Denken und Innovationsgeist.
„Soziale Dienstleistungen stabilisieren in der Krise, sichern den Zusammenhalt, verringern das soziale Ungleichgewicht und helfen in strukturschwachen Regionen. Sie ergeben das 10-15 fache an Wertschöpfung und trotzdem sind die öffentlichen Investitionen in diesem Sektor stetig im Sinken begriffen“, benennt Mag. Martin Schenk-Mair, Sozialexperte, das Potenzial der Care-Arbeit. Tragfähigen Beziehungen, Selbstwirksamkeit und Anerkennung sind die drei Lebens-Mittel, die Menschen „widerstandsfähig“ machen, gerade in schwierigen und belastenden Situationen. Nähe und Distanz bekommen durch Social Media eine neue Dimension und doch brauchen wir einander – wir haben Sehnsucht nach Rhythmen, konkreten Orten und face2face-Beziehungen. „Was die Zukunft vergiften kann, ist Neid. Neid kann uns spalten und ist entsolidarisierend“, ist sich Schenk-Mair sicher.

DI Wolfgang Frey, international tätiger Architekt, verwirklicht mit Heidelberg Village ein Großprojekt ganz im Zeichen von nachhaltiger Architektur und Stadtentwicklung. „Wir bauen keine Häuser  sondern Quartiersstrukturen“, benennt Frey seinen Auftrag ein Mehrgenerationen-Wohnmodell zu etablieren. Er vernetzt, greift die Fähigkeiten der BewohnerInnen auf und sucht nach kreativen Lösungen, vor allem auch für sozial Schwächere. Frey ist überzeugt: „Erfolgreich ist das Modell nur dann, wenn sich alle BewohnerInnen damit identifizieren.“ Das geschieht laut Frey durch „Enabling“ – eigene facebook-Gruppen, gemeinsame Grünraumpflege, gemeinsames Gestalten der Flure – einfach Verantwortung übergeben ist seine Devise.

In einer abschließenden Gesprächsrunde waren sich Mag. Edith Zankl (Volkshilfe lebensART gmbH), Johannes Ungar (innovia) und Mag. Gerhard Breitenberger (GF Diakoniewerk OÖ) einig, dass es Einrichtungen auch in Zukunft gegeben wird, wiewohl jeder einzelne Träger sich im Sinne der Menschen, die begleitet werden, weiterentwickeln und stets flexibel für die Bedürfnisse sein muss. „Unser Grundsatz ist, dass bei jedem Projekt die Menschen mit einbezogen werden, die betroffen sind“, so Unger. Zankl sieht ihre Wohneinrichtungen in ihrer Größe eher der Behindertenkonvention entsprechend als große Einrichtungen. Sie gibt jedoch zu bedenken, dass auch Großeinrichtungen aufgrund der Vielfalt der Angebote Vorteile haben, da sie mehr Wahlmöglichkeiten für die Klienten ermöglichen. Auf die Finanzierung des Sozialbereichs und eine eventuelle Konkurrenzsituation angesprochen, betonte Breitenberger: „Das Geldproblem eint alle Träger. Wichtig ist zu wissen: Wo wollen wir hin? Und wie können wir Synergien mit anderen Trägern finden, Win-win-Situationen schaffen? Trägernetzwerke zu bilden, ist für mich ein wichtiges Zukunftsthema.“ 

Bilder: Diakoniewerk/Abdruck honorarfrei.

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Bildtext: In einer abschließenden Gesprächsrunde wurden Zukunftsvorhaben diskutiert. (vlnr) Mag. Edith Zankl (Volkshilfe lebensART gmbH), Johannes Ungar (innovia) und Mag. Gerhard Breitenberger (GF Diakoniewerk OÖ), Moderation: Dr. Peter Rudlof

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Bildtext: Martin Habacher beeindruckte beim diesjährigen Martinstift-Symposion in Linz in seinem Einstiegsreferat nicht zuletzt aufgrund seiner perfekten Selbstinszenierung und seines Humors.

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Bildtext: AMS OÖ Chef Gerhard Strasser im Gespräch mit Symposionsteilnehmerinnen.

Rückfragen:
Mag. MBA Daniela Scharer
Kommunikation & PR
Diakoniewerk (Zentrale)
Telefon 07235 63 251 128
Mobil 0664 220 16 25
d.scharer@diakoniewerk.at
www.diakoniewerk.at/presse

 


In einer abschließenden Gesprächsrunde wurden Zukunftsvorhaben diskutiert. (vlnr) Mag. Edith Zankl ( Martin Habacher beeindruckte beim diesjährigen Martinstift-Symposion in Linz in seinem Einstiegsrefe AMS OÖ Chef Gerhard Strasser im Gespräch mit Symposionsteilnehmerinnen.