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29.11.2016

Leben und Arbeiten, wie ich will

Am 3. Dezember ist internationaler Tag der Menschen mit Behinderung. Vieles hat sich in den letzten Jahren für Menschen mit Behinderung verbessert. Die Integrative Beschäftigung und alternative Wohnformen sind Puzzleteile am Weg zur Gleichstellung.

GALLNEUKIRCHEN. Helmut B., 47 Jahre, fühlt sich sichtlich wohl auf seinem Rasenmäher Traktor, dessen Anhänger bis oben hin mit Herbstlaub gefüllt ist. Vollkommen selbstständig ist er unter anderem für die Landschaftspflege des Geländes am Linzerberg in Engerwitzdorf zuständig. Ob Rasen mähen, Hecken schneiden, Laub rechen oder Schnee schaufeln – Helmut B. teilt sich seine Aufgaben selbst ein und erledigt sie gewissenhaft. Die Menschen, die am Linzerberg wohnen und arbeiten kennen ihn und schätzen seine Arbeit. Auch im Wald beim Holz arbeiten und Brennholz machen packt er mit an. „Ich arbeite am liebsten draußen in der Natur, vor allem an so schönen Tagen wie heute. Wenn es regnet helfe ich auch mal drinnen mit beim Apfelsaft Pressen und Abfüllen. Aber lieber ist mir die Arbeit draußen“, gesteht er.

Helmut B. arbeitet seit 2003 in der Garten- und Landschaftsgestaltung (GaLa) des Diakoniewerks in Engerwitzdorf. Die GaLa ist ein integrativer Betrieb des Diakoniewerks, dessen Dienstleistungen und Angebote von zahlreichen Kunden gerne in Anspruch genommen werden. Hier finden Menschen mit Behinderung eine sinnvolle Aufgabe, denn ihre Fähigkeiten sind gefragt und werden geschätzt.

„Wir versuchen verschiedene Formen der Beschäftigung anzubieten, um den Interessen und Fähigkeiten der Menschen, die wir begleiten, gerecht zu werden. Für den einen Menschen kann die Arbeit in einer unserer Werkstätten für Menschen mit Behinderungen das passende Angebot sein, für den nächsten eine Arbeit in einem unserer integrativen Betriebe, und den dritten begleiten unsere Mitarbeitenden zur Arbeit in einen Wirtschaftsbetrieb, mit dem wir kooperieren. Unsere Aufgabe sehe ich hier in der differenzierten Entwicklung der Angebote und in der professionellen Begleitung unserer betreuten Mitarbeitenden“, ist sich Diakoniewerk Oberösterreich Geschäftsführer Gerhard Breitenberger der Anforderungen und Herausforderungen bewusst.

Bereits 2011 konnte das Diakoniewerk den ersten Wirtschaftsbetrieb als Partnerbetrieb für die integrative Beschäftigung gewinnen, den Lebensmittelmarkt „Winkler Markt“ in Linz. Heute arbeitet das Diakoniewerk mit zahlreichen Partnerunternehmen zusammen und begleitet über 50 Menschen mit Behinderung an integrativen Beschäftigungsplätzen dabei, ihre individuellen Bedürfnisse und Möglichkeiten auszuloten und einzusetzen. Die Dienstleistungen, die Menschen mit Behinderung in Kleinbetrieben, Märkten und öffentlichen Einrichtungen erbringen, sind vielfältig und reichen von der Regalbetreuung im Supermarkt bis zur Servicekraft im Kaffeehaus. Dabei werden sie immer von Mitarbeitenden des Diakoniewerks begleitet, für welche diese Aufgabe ebenfalls eine neue Erfahrung in der Begleitung und Befähigung von Menschen mit Behinderung bedeutet.

Ein weiterer wichtiger Schritt wird nun auch die Ermöglichung alternativer, selbstbestimmter Wohnformen sein. Neben dem klassischen Wohnhaus bzw. der Wohnung, in der mehrere Menschen mit Behinderung gemeinsam wohnen und teilweise unterstützt bzw. rund um die Uhr begleitet werden, möchte das Diakoniewerk weitere Möglichkeiten bieten.

„Wir möchten auch im Wohnbereich Alternativen schaffen. Nicht jeder möchte in einer Wohngemeinschaft mit vier oder fünf Mitbewohnern leben, sondern wünscht sich seine eigenen vier Wände und mehr Privatsphäre. Ich sehe hierin vor allem Chancen für die persönliche Entwicklung, wenn Haushalt und Alltag alleine organisiert werden müssen und unser Betreuungspersonal nur punktuell und auf Anfrage unterstützt“, so Gerhard Breitenberger, der wie im Arbeitsbereich auch hier eine Vielfalt an Angeboten anstrebt. „Es gibt je nach Beeinträchtigung verschiedene Unterstützungsbedarfe. Wir begleiten schwerstmehrfach behinderte Menschen, die rund um die Uhr medizinische Pflege brauchen, aber auch sehr selbstständige Menschen wie Helmut B., die ihr Leben mit ein wenig Unterstützung gut selbst gestalten können.“

Wenn Helmut B. mit Hinblick auf das nahende Weihnachten und das kommende Jahr nach seinen Wünschen für die Zukunft gefragt wird, dann zeigt er sich dankbar für die Möglichkeit, die ihm nun in Aussicht gestellt wird. Er könnte schon bald den Schlüssel zu seiner eigenen Wohnung am Fuße des Linzerberg bekommen. Dieses Pilotprojekt des selbstbestimmten Wohnens für Menschen mit Behinderung wurde vom Diakoniewerk gemeinsam mit dem Land Oberösterreich entwickelt und realisiert. Eine Chance für Helmut B. neue Erfahrungen zu sammeln und ein weiterer wichtiger Schritt, um sein Leben nach seinen eigenen Vorstellungen gestalten zu dürfen.

Dieser hoffnungsvolle Blick in die Zukunft wird auch von der aktuellen Kampagne der Diakonie in Österreich getragen. Unter dem Titel „Hoffnung braucht ein Ja!“ soll auf Menschen und Projekte aufmerksam gemacht werden, die Lebensqualität, sozialen Zusammenhalt und Solidarität fördern. Es sind Menschen wie Helmut B., die Hoffnung erfahren und auf sich und ihren besonderen Lebensweg aufmerksam machen wollen. Es sind aber auch Menschen, die Hoffnung schenken, wie freiwillig Engagierte.
„Menschen mit Behinderung brauchen unser bedingungsloses Ja, unsere konsequente Solidarität, damit sie weitgehend selbstbestimmt und selbstständig leben können. Die Vision von einer inklusiven Gesellschaft, in der alle in Würde leben können, braucht das kräftige Ja aller Beteiligten, insbesondere das von Politik und Wirtschaft“, betont Rektorin Christa Schrauf.